16/07/2021
Mit Dampf in die neue Zeit
Die Geschichte der Dampfmühle Neuhaus & Co in Neukirchen, 1872 – 1960 - Teil 2
Die Mühle hatte zuerst nur drei Mahlgänge: einen Schrotgang und zwei Weizengänge. Im Jahr 1886 war sie schon durch einen Neubau und neue Inneneinrichtung bedeutend vergrößert worden. Vor der Übergabe an die nächste Generation 1896 wurde die Mühleneinrichtung nochmals umgebaut und ein neuer Dampfkessel angelegt.
1905 erhielt sie eine Reinigungsanlage mit Silo. 1909 entstanden durch den Bau des Bahnhofs Neukirchen weitere Transportmöglichkeiten und neue Absatzmärkte wurden erschlossen. 1911 wurden neue Mehllager installiert, die ab 1912 mit einer Trockenanlage ausgestattet waren, um den neuen technischen Anforderungen der Zeit zu entsprechen.
Dietrich Neuhaus berichtet weiter: „ Im Jahre 1914 brach der furchtbare Weltkrieg aus. 1914 ist auch unser stiller Teilhaber im Geschäft Johann Heckrath von Niep aus dem Geschäft ausgetreten. Nachdem wir den Krieg verloren hatten, bekamen wir ein Jahr lang belgische Besatzung, welche uns viel Schweres auflegte. Wir durften ohne Pass nicht vor die Tür gehen. An jeder Straßenecke standen Posten. Nach dem Krieg wo wir die furchtbar schweren Kosten bezahlen mußten, sank unsere Währung immer mehr, besonders mit der Ruhrbesatzung wurde unsere Mark immer weniger wert. Wenn man heute für das Getreide, für den Sack, zwei Millionen bezahlt hatte, morgen mußte man schon drei bis fünf bezahlen. Alle ausstehenden Kapitalien waren nichts mehr wert, später bekam man ein Viertel oder noch weniger dafür.“
Obwohl die beiden Weltkriege große Einbußen mit sich brachten, konnte die Firma Neuhaus & Co. Dampfmühle Neukirchen im Jahr 1947 ihr 75-jähriges Jubiläum begehen.
Die Mühle betrieb sechs Mahlgänge und die Zahl der Belegschaftsmitglieder lag bei 40 Personen. Das Gebäude wurde um ein Maschinenhaus mit einer neuen Dampfmaschine erweitert. Über drei Generationen blieb die Mühlengesellschaft in den Händen der Familien Neuhaus, Jochums und Heckrath, die über Jahrzehnte das bürgerliche Leben in Neukirchen prägten.
Anfang 1960 wurde die Neukirchener Dampfmühle stillgelegt. Die wirtschaftliche Lage hatte sich geändert und machte die Arbeit in der alten Dampfmühle unrentabel. Das Gebäude zerfiel und der Glanz war erloschen. Erst zu Beginn der 1970er Jahre erwarb die Raiffeisengesellschaft das Gebäude und betrieb dort bis in die 1990er Jahre einen Markt für landwirtschaftliche Produkte. Im April 1995 zerstörte ein Großbrand die Mühle, vor allem der Dachstuhl und das Innere des Gebäudes fielen den Flammen zum Opfer.
Im Jahr 2003 kam endlich wieder Leben in das denkmalgeschützte Gebäude an der Krefelder Straße. Die Immobilie wurde restauriert und zunächst unter dem Namen „Atlanta Hotel International Dampfmühle“ eröffnet. 2014 entschied sich die Unternehmensgruppe ihre Hotels unter der Dachmarke „Aaldering Hotels“ zu betreiben und seitdem ist das „Hotel Dampfmühle Neukirchen-Vluyn“ zu seinen namentlichen Wurzeln zurückgekehrt. Mit der Umgestaltung des „Jule´s Restaurant“ wird auch der Charakter des historischen Fabrikgebäudes wieder aufgegriffen.
(Jutta Lubkowski, OMMA 15, 2018; Bild: „Neuhaus Mühle“, 1897; Copyright Museumsarchiv NV)