16/06/2026
Mit freundlichem Dank an DIE ZEIT für die Anregung und den zitierten Auszug aus dem Newsletter von Michael Allmaier. 👨🍳🙋♀️
vor 50 Jahren und vier Monaten eröffnete das Landhaus Scherrer. Ein halbes Jahrhundert in der Spitzengastronomie: Das gibt es nicht oft. Könnte man feiern. Warum tun Sie’s noch nicht, habe ich Heinz Wehmann gefragt, der hier 1980 als Küchenchef begann. »Die Auslastung im Frühjahr war sehr gut, darum haben wir erst mal gewartet.« Das ist typisch Wehmann, er hat die Ruhe weg.
Als ich hier zum ersten Mal aß, war das Restaurant an der Elbchaussee halb so alt wie heute. Ich fand es damals ziemlich altmodisch und skurril: Die Platzteller mit den schwülstigen erotischen Szenen. Die durch den Saal schreitenden Kellner in ihren schwarzen Westen. Die Stammgäste, die vergnügt ihre Krankengeschichten austauschten. Wehmanns Kochstil wirkte vertraut, französische Technik mit norddeutschen Produkten. Machten das nicht gerade alle? Was mir nicht klar war: Die anderen hatten sich alle etwas bei ihm abgeschaut.
Diese Woche war ich wieder da – und fand das meiste unverändert. Es fühlte sich bloß anders, heimeliger an. Ich wünschte den Herrschaften an den Nebentischen einen guten Appetit, wie sich das hier so gehört. Dann besah ich voller Andacht meinen Platzteller. Er zeigte diesmal eine nackte Schönheit, die sich an einen mannshohen Lippenstift schmiegte. Und ich aß das Menü, das sich mit den Jahren nur wenig verändert hat. Es ist noch immer nicht aufregend. Es wird mir aber, das merke ich jetzt, auch nie langweilig werden: Der Steinbuttrücken, der nicht sautiert, pochiert oder confiert, sondern einfach gekocht ist, das aber auf den Punkt. Dazu ganz bürgerlich Julienne, Meerrettich und geklärte Butter. Oder die Övelgönner Fischsuppe mit Safran, wie man sie besser nicht machen kann.
Die Gäste zwei Tische weiter hatten etwas zu feiern: Sie essen seit vierzig Jahren in ihrer »Lieblingskantine«. Das Paar neben mir zollte Respekt, sie kämen erst seit zehn Jahren. Und ich? »25!«, rief ich, und staunte, wie stolz ich klang.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Die Zeit, Michael Allmaier