05/10/2026
THE BLUES SYNDICATE – Vier Männer, zwei Proben und dann war der Schnoor nicht mehr derselbe
Manchmal braucht es für die Gründung einer Band einen Masterplan.
Management. Fotoshooting. Social-Media-Konzept. Zwölf Monate Proben. Diskussionen über das Logo. Diskussionen über die Setlist. Und vermutlich mindestens eine WhatsApp-Gruppe, in der grundsätzlich keiner auf Terminvorschläge antwortet. Und manchmal braucht es einfach vier alte Freunde und ein Bier.
So ungefähr begann die Geschichte von THE BLUES SYNDICATE.
Dann traf man sich noch zweimal im Proberaum.
Und dann:
BÄÄM. Blues- und Rock’n’Roll-Hurricane über Bremen.
Tatort: Betty’s Black Pearl im Schnoor.
Das größte Polizeigewerkschaftstreffen des Jahres
Die Rahmenbedingungen hätten besser kaum sein können. Am folgenden Tag stand der Tag der Deutschen Einheit an, und weil sich dafür mit Bundeskanzler Friedrich Merz und weiterer politischer Prominenz hoher Besuch in Bremen angekündigt hatte, fand rund um die Innenstadt offenbar das größte „Polizeigewerkschaftstreffen“ Norddeutschlands statt. Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen.Polizei hier - Polizei dort. Absperrungen vorne - Absperrungen hinten.
Und mittendrin der Schnoor, der aussah, als hätte jemand beschlossen, dass ausgerechnet an diesem Abend der internationale Handel mit illegal geschmuggelten Blues-Tonleitern unterbunden werden müsse.
Betty’s Black Pearl lag dabei gefühlt irgendwo hinter der letzten Sicherheitszone.
Wer hineinwollte, musste zwar keinen Passierschein A38 vorlegen, aber ein gewisser Orientierungssinn und der feste Wille, an diesem Abend ein Bier zu trinken und Blues zu hören, waren durchaus hilfreich. Doch Bluesfans sind einiges gewohnt. Zwölf Takte können schließlich auch ganz schön lang sein. Also fanden trotz aller Absperrversuche einige Unerschrockene den Weg in die Black Pearl.
Und sie sollten später sagen können:
„Ich war dabei, als das angefangen hat.“
Denn während draußen die Staatsmacht aufmarschierte, formierte sich drinnen ein ganz anderes Syndikat.
Zwei Proben? Ernsthaft?
Das eigentlich Unverschämte an THE BLUES SYNDICATE ist die Vorgeschichte.
Vier Freunde treffen sich auf ein Bier. Man redet. Man lacht. Und irgendwann fällt vermutlich der gefährlichste Satz, den vier erfahrene Musiker sagen können:
„Wir könnten doch mal zusammen spielen.“ Gesagt, getan.
Zweimal Proberaum - Fertig.
Andere Bands benötigen nach zwei Proben noch Namensschilder. Diese vier gehen auf die Bühne und klingen, als hätten sie gemeinsam bereits mehrere amerikanische Südstaaten bereist, drei Tourbusse verschlissen und mindestens einmal Hausverbot in Memphis bekommen.
Der Piano Man übernimmt
Mittendrin sitzt Matthias Monka, der „Piano Man des Nordens“. Seit 2007 ist Monka regelmäßig als Backgroundsänger bei den Soulmates von Leslie Mandoki tätig. Seine musikalische Vita liest sich ohnehin ein wenig so, als hätte jemand versehentlich das Inhaltsverzeichnis einer internationalen Rock- und Pop-Enzyklopädie abgeschrieben.
Eric Burdon, Bobby Kimball von Toto, Paul Young, Alannah Myles, Howard Jones.
Chris Thompson von Manfred Mann’s Earth Band, Chris de Burgh, The Weather Girls, Roger Chapman, Roger Hodgson von Supertramp, Peter Maffay.
Mit ihnen stand Monka bereits auf der Bühne.
Und jetzt also:
Betty’s Black Pearl - Schnoor - Bremen.
Karrieretechnisch eindeutig ganz oben angekommen. Monka sitzt jedenfalls am Piano und macht sehr schnell klar, dass dieses Instrument an diesem Abend nicht für dekoratives Geklimper vorgesehen ist. Da wird gehämmert, gerollt, geschoben und getrieben. Boogie, Blues, Rock’n’Roll – und immer wieder dieses breite Grinsen, das Musiker bekommen, wenn sie merken: Verdammt, das funktioniert.
Ole Morisse: Gitarre ohne Sicherheitsabstand
An Gitarre und Mikrofon steht Ole Morisse. Wer sich in der Bremer Bluesszene bewegt, muss zu ihm eigentlich nicht mehr viel sagen. Morisse prägt den Bremer Blues seit Jahrzehnten mit. Sein Gitarrenspiel ist direkt, kantig und schnörkellos. Kein Gitarren-Yoga. Keine zwölfminütige Demonstration darüber, wie viele Töne ein Mensch kennt. Keine musikalische PowerPoint-Präsentation. Morisse spielt Gitarre so, wie eine Bluesgitarre gespielt werden sollte: Sie darf knurren. Sie darf schreien. Sie darf dreckig sein.
Und gelegentlich darf sie einen Ton einfach so lange stehen lassen, bis er weh tut.
Herrlich.
Der Bass wohnt im Bauch
Für das Fundament sorgt Ralf Marckardt an Bass und Gesang. Während Piano und Gitarre vorne gelegentlich den Eindruck erwecken, als wollten sie herausfinden, wer zuerst die Kneipeneinrichtung zum Mitschwingen bringt, hält Marckardt untenrum den Laden zusammen. Sein Bass diskutiert nicht. Er erklärt. Und zwar körperlich. Das ist kein Bass, den man analysiert. Das ist ein Bass, bei dem irgendwann das linke Bein anfängt zu wi**en, obwohl man ihm ausdrücklich gesagt hat, es solle sich benehmen. Keine Chance.
Der Groove gewinnt.
Andreas Gellert: Shuffle mit eingebautem Vortrieb
Hinten sitzt Andreas Gellert. Wobei „sitzt“ eine ziemlich irreführende Beschreibung seiner Tätigkeit ist. Gellert ist seit Jahrzehnten der rhythmische Motor zahlreicher Bremer Blues- und Jazzformationen. Und Motor trifft es. Sein Shuffle schiebt. Die Drums drücken. Die Snare sitzt. Und wenn die vier Fahrt aufnehmen, entsteht dieser herrliche musikalische Zustand, in dem niemand mehr darüber nachdenkt, wo die Eins ist. Sie ist einfach da. Und sie kommt zuverlässig. Mit Nachdruck.
Vier Musiker – plötzlich eine Band
Das Entscheidende passiert aber zwischen den Musikern. Ein Blick von Monka. Ein Grinsen von Morisse. Marckardt zieht den Groove etwas an. Gellert setzt einen Akzent.
Und plötzlich biegt der ganze Song irgendwohin ab. Kein Navi. Keine Vorwarnung. Alle kommen mit.
Genau davon lebt Blues.
Nicht davon, dass vier Leute exakt das spielen, was auf einem Zettel steht. Sondern davon, dass vier Leute einander zuhören und im richtigen Moment beschließen, gemeinsam etwas vollkommen Unvernünftiges zu tun. Und THE BLUES SYNDICATE besitzt davon bereits bei seinem ersten Auftritt erstaunlich viel.
Routine trifft Spielfreude.
Erfahrung trifft Frechheit.
Blues trifft Rock’n’Roll.
Irgendwann hat man völlig vergessen, dass diese Band angeblich erst zweimal zusammen geprobt hat. Vielleicht sollte sie das mit dem Proben künftig ohnehin nicht übertreiben.
Es könnte den Charakter verderben.
Draußen Staatsbesuch, drinnen Ausnahmezustand
So hatte Bremen an diesem Abend zwei Sicherheitslagen. Draußen wurde für Merz & Co. abgesperrt. Drinnen musste Betty’s Black Pearl gegen einen ausgewachsenen Blues- und Rock’n’Roll-Hurricane gesichert werden. Die Polizei hatte draußen offenbar alles im Griff. Für das, was drinnen passierte, war sie allerdings nicht zuständig. Und vielleicht war genau das die eigentliche Nachricht dieses Abends:
Bremen hat eine neue Bluesband.
Nein.
Streichen.
Bremen hat möglicherweise eine neue Blues-Macht.
THE BLUES SYNDICATE klingt nicht nach vorsichtigem Nebenprojekt. Nicht nach „Wir treffen uns mal alle paar Wochen und gucken, was passiert“. Das Ding hat Druck. Das Ding hat Seele. Und vor allem: Das Ding macht verdammt viel Spaß.
Vier Freunde.
Ein Bier.
Zwei Proben.
Ein Konzert.
Mehr brauchte es offenbar nicht.
THE BLUES SYNDICATE ist da.
Und sollte beim nächsten Auftritt wieder der halbe Schnoor abgesperrt sein, wissen wir wenigstens Bescheid: Dann kommt vielleicht gar kein Bundeskanzler.
Vielleicht spielt einfach nur das Syndikat.