09/07/2026
Entsetzlich 😟
WO HÖRT DAS KÖLSCHE MITEINANDER EIGENTLICH AUF?
Wir müssen über Nachbarschaft reden.
Über Nachbarschaft und Gastronomie. Über Beschwerden, Konflikte und darüber, wie wir in dieser Stadt eigentlich miteinander leben wollen.
Denn natürlich darf man sich gestört fühlen. Natürlich darf man sich beschweren. Natürlich müssen Gastronom*innen Rücksicht auf ihre Nachbarschaft nehmen. Und natürlich gibt es Konflikte, für die Lösungen gefunden werden müssen.
Aber was wir gerade an verschiedenen Stellen in Köln erleben, hat mit einem fairen Miteinander immer weniger zu tun.
Da wird gegen Gastronomiebetriebe und die Nutzung öffentlicher Plätze geklagt – mit Folgen, die am Ende nicht nur die Gastronomie treffen, sondern ganze Nachbarschaften. Plötzlich dürfen Menschen nicht mehr draußen stehen, nicht mehr verweilen, nicht mehr zusammenkommen.
An anderer Stelle eröffnet ein Café, das viele Menschen anzieht. Es bilden sich Warteschlangen und leider bleibt auch Müll im Veedel zurück. Dass das die Nachbar*innen ärgert, ist völlig verständlich. Dafür müssen Lösungen gefunden und Verantwortung übernommen werden.
Aber berechtigter Ärger über Müll rechtfertigt nicht alles.
Und jetzt?
Jetzt wurde Buttersäure gegen ein Café geschleudert.
Wir müssen uns das einmal klarmachen: Jemand fühlt sich offenbar so sehr von einem gastronomischen Betrieb, seinem Konzept oder seinen Gästen gestört, dass er oder sie zu einem widerwärtigen und zerstörerischen Angriff greift.
Was passiert hier eigentlich gerade?
Seit Jahren erleben wir, dass Gastronomie in Nutzungskonflikten reflexartig zum Problem erklärt wird.
Zu viele Menschen? Die Gastro ist schuld.
Zu viel Leben auf einem Platz? Die Gastro ist schuld.
Menschen stehen draußen? Die Gastro ist schuld.
Ein erfolgreiches Café zieht Gäste an? Offenbar auch ein Problem.
Dabei reden wir ständig darüber, dass Köln lebendig bleiben soll. Dass wir unsere Veedel lieben. Dass wir inhabergeführte Konzepte wollen. Vielfalt. Begegnung. Orte, an denen Menschen zusammenkommen.
Aber scheinbar endet diese kölsche Offenheit immer öfter genau dort, wo vor der eigenen Haustür tatsächlich etwas passiert.
Wir romantisieren das lebendige Veedel – solange es leise ist.
Wir wollen Cafés, Kneipen, Restaurants und besondere Konzepte – aber bitte ohne Gäste.
Wir wollen Begegnung und Gemeinschaft – aber möglichst nicht vor unserem Fenster.
Und jetzt wurde eine Grenze überschritten, die uns fassungslos macht.
Buttersäure gegen einen gastronomischen Betrieb ist kein Nachbarschaftskonflikt. Es ist ein Angriff!
Auf einen Betrieb. Auf Menschen, die dort arbeiten. Auf eine Idee. Und auf genau das Miteinander, auf das sich Köln so gerne beruft.
Wir wollen die Sorgen von Anwohner*innen nicht kleinreden. Das haben wir nie, das werden wir nie. Die Stadt gehört uns allen!
Aber Rücksichtnahme ist keine Einbahnstraße.
Gastronom*innen sind nicht pauschal verantwortlich für jeden Menschen im öffentlichen Raum. Sie sind nicht der Buhmann für jedes Geräusch, jede Gruppe und jedes gesellschaftliche Leben in einem Veedel.
Und Gäste sind keine Belästigung, nur weil sie sichtbar sind.
Ein Veedel gehört nicht nur denen, die dort schlafen. Es gehört auch denen, die dort arbeiten, Unternehmen gründen, Risiken eingehen, Räume schaffen und denen, die diese Räume besuchen.�
Köln braucht wieder mehr Miteinander.
Mehr Verständnis dafür, dass eine lebendige Stadt manchmal auch bedeutet, dass andere Menschen da sind.
Und vor allem eine klare gemeinsame Grenze:
Wer Gäste beschimpft, Betriebe bedroht oder sogar angreift, kämpft nicht für ein ruhiges Veedel.
Er zerstört das Miteinander, das ein Veedel überhaupt erst ausmacht.
Wir stehen an der Seite der betroffenen Gastronom*innen.
Denn wenn kölsche Offenheit schon an der eigenen Haustür endet, sollten wir dringend darüber reden, was von ihr eigentlich noch übrig ist.